Telemedizin: So richten Sie Videosprechstunden in Ihrer Praxis ein
Die COVID-Pandemie hat der Telemedizin einen enormen Schub gegeben. Was vorher Zukunftsmusik war, ist heute Alltag: Über 30% der Patienten haben bereits eine Videosprechstunde genutzt – und die Akzeptanz steigt weiter.
Für Arztpraxen bietet Telemedizin echte Vorteile: zufriedenere Patienten, effizientere Abläufe und neue Möglichkeiten der Patientenbetreuung.
Vorteile für Praxis und Patienten
Für Ihre Praxis
- Weniger No-Shows: Videosprechstunden werden seltener vergessen
- Effizientere Zeitnutzung: Kurze Rückfragen und Befundbesprechungen schnell erledigen
- Erweitertes Einzugsgebiet: Patienten auch außerhalb Ihrer Region behandeln
- Flexiblere Arbeitszeiten: Sprechstunden auch von zu Hause möglich
Für Ihre Patienten
- Kein Anfahrtsweg: Besonders wertvoll für Mobilitätseingeschränkte
- Geringeres Infektionsrisiko: Kein Wartezimmer, kein Kontakt
- Bessere Vereinbarkeit: Termine in der Mittagspause oder am Abend
- Schnellere Verfügbarkeit: Oft kurzfristiger als Praxistermine
Welche Behandlungen eignen sich?
Gut geeignet
- Befundbesprechungen
- Verlaufskontrollen chronischer Erkrankungen
- Rezeptanfragen und -verlängerungen
- Krankschreibungen (bei klarem Beschwerdebild)
- Beratungsgespräche
- Zweitmeinungen
- Psychotherapeutische Gespräche
Weniger geeignet
- Erstdiagnosen bei unklarem Beschwerdebild
- Untersuchungen, die körperlichen Kontakt erfordern
- Notfälle
- Operative Eingriffe (logisch)
Technische Voraussetzungen
Hardware-Anforderungen
Minimum:
- Computer/Laptop mit Webcam und Mikrofon
- Stabile Internetverbindung (mind. 3 Mbit/s)
- Ruhiger, gut beleuchteter Raum
Empfohlen:
- Externe HD-Webcam (bessere Bildqualität)
- Headset mit Noise-Cancelling
- Zweiter Monitor für parallele Dokumentation
- Mindestens 10 Mbit/s Upload
Software: Zertifizierte Videodienstanbieter
In Österreich und Deutschland müssen Videodienstanbieter zertifiziert sein. Beliebte Optionen:
| Anbieter | Besonderheiten |
|---|---|
| Doctolib | Integration in Terminbuchung |
| Doxy.me | Kostenlose Basisversion |
| Medflex | Speziell für den DACH-Raum |
| arztkonsultation.de | Von KBV zertifiziert |
Wichtig: Normale Videocall-Tools wie Zoom oder Teams sind nicht erlaubt – sie erfüllen die Datenschutzanforderungen nicht.
Rechtliche Rahmenbedingungen
Aufklärung und Einwilligung
Vor der ersten Videosprechstunde müssen Sie:
- Über die Besonderheiten der Fernbehandlung aufklären
- Auf mögliche Einschränkungen hinweisen
- Eine Einwilligung einholen (kann elektronisch erfolgen)
Fernbehandlung: Was ist erlaubt?
Die Berufsordnungen erlauben mittlerweile Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsmedien, wenn:
- Es medizinisch vertretbar ist
- Die Aufklärung erfolgt ist
- Die Sorgfalt gewahrt bleibt
Dokumentationspflichten
Wie bei jedem anderen Arzt-Patienten-Kontakt müssen Sie dokumentieren:
- Datum und Uhrzeit
- Gesprächsinhalte
- Diagnosen und Empfehlungen
- Dass es sich um eine Videosprechstunde handelte
Abrechnung von Videosprechstunden
GKV (Deutschland)
Videosprechstunden können im Wesentlichen wie Präsenztermine abgerechnet werden. Einige spezielle GOP:
- GOP 01439: Videofallkonferenz
- GOP 01444: Zuschlag Authentifizierung
- GOP 01450: Technikzuschlag Videosprechstunde
Privatabrechnung
Bei Privatpatienten rechnen Sie regulär nach GOÄ ab. Der Kommunikationsweg ändert grundsätzlich nichts an der Abrechnung.
Österreich
In Österreich gibt es kassenspezifische Regelungen. Bei vielen Kassen sind Videosprechstunden mittlerweile anerkannt – prüfen Sie die aktuellen Vereinbarungen.
Best Practices für erfolgreiche Videosprechstunden
Vorbereitung
- Technik-Check vor dem ersten Termin des Tages
- Hintergrund aufgeräumt und professionell
- Beleuchtung von vorne, nicht von hinten
- Notfallplan falls Technik ausfällt
Während des Gesprächs
- Blickkontakt: In die Kamera schauen, nicht auf den Bildschirm
- Langsam sprechen: Audioübertragung kann verzögert sein
- Aktiv zuhören: Nicken und verbale Bestätigungen
- Zusammenfassen: Am Ende Vereinbartes wiederholen
Nach dem Gespräch
- Dokumentation sofort erstellen
- Falls nötig: Präsenztermin vereinbaren
- E-Rezept oder AU digital übermitteln
Patienten auf Videosprechstunden vorbereiten
Vor dem Termin mitteilen
- Link zum Videocall (am besten per SMS kurz vorher)
- Technische Voraussetzungen (Browser, App)
- Was vorzubereiten ist (Medikamentenliste, Befunde)
Einfache Anleitung bereitstellen
Erstellen Sie eine kurze Anleitung:
- Link anklicken
- Kamera und Mikrofon freigeben
- Im virtuellen Wartezimmer warten
- Arzt nimmt Sie auf
Erste Schritte: So starten Sie
Woche 1: Planung
- Videodienstanbieter auswählen und testen
- Technik beschaffen (falls nötig)
- Team schulen
Woche 2: Vorbereitung
- Aufklärungsbogen und Einwilligung erstellen
- Patienteninformation für Webseite verfassen
- Ersten "Testterminen" mit Teammitgliedern durchführen
Woche 3: Soft Launch
- Ausgewählten Patienten anbieten
- Feedback sammeln
- Prozesse optimieren
Woche 4+: Regulärer Betrieb
- Aktiv bewerben
- Ins Terminbuchungssystem integrieren
- Regelmäßig evaluieren
Fazit
Videosprechstunden sind keine vorübergehende Erscheinung, sondern ein dauerhafter Bestandteil moderner Medizin. Der Einstieg erfordert etwas Vorbereitung, aber die Vorteile für Praxis und Patienten überwiegen deutlich.
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